**Diesen Text habe ich für die Danke-Zeitschrift unseres örtlichen Tierheims geschrieben. Ich finde, er passt auch ganz gut hierher.** 

Als wir im vergangenen Jahr die letzten beiden unserer drei spanischen Mischlinge gehen lassen mussten, war die Trauer lähmend. Wir hatten das große Glück, sie lange in unserem Leben haben zu dürfen – auch wenn es nie lang genug ist. Noodles wurde fast 15 Jahre alt, Ioli 13, und im Dezember verabschiedeten wir schließlich unsere Scout mit 16½ Jahren. Gedanken wie „Ich möchte keinen Hund mehr“ gingen mir durch den Kopf – zu nervenaufreibend waren die Sorgen um die alten Tiere und letztlich der Schmerz ihres Abschieds.

Objektiv war mir klar, dass dieser Gedanke nicht lange währen kann, aber in dem Moment fühlte es sich genau so an. Auch wenn unsere Spaziergänge zuletzt nur noch kurz gewesen waren, saßen wir nun ganz ohne unsere treuen Gassipartner da. Wir beiden Menschen zogen nun ganz ohne Hund durch Wald und Flur, um wenigstens ein wenig Bewegung zu bekommen.

Im März begann ich, mich umzuschauen. Das Gefühl des „nie wieder“ wich einem vorsichtigen „man kann ja mal schauen“. Da jedoch noch eine Reise bevorstand, kam eine sofortige Adoption nicht infrage – aber, wie gesagt, schauen darf man ja …

Wir sind große Fans des Galgo Español. Noodles und Scout waren Mischlinge dieser Rasse, und wir lieben ihre Energie und Freundlichkeit. In Spanien werden Galgos zur Jagd eingesetzt. Wenn sie dafür zu langsam, zu krank oder zu alt sind, landen sie in Tierheimen – oder schlimmer noch, werden auf grausame Weise „entsorgt“. Also betrachtete ich all die wunderschönen, langnasigen Gesichter im Internet. Ein junger Hund sollte es sein. Nach all den Jahren mit Senioren wollten wir uns noch einmal auf die „herrlich anstrengenden“ Jahre eines Welpen- oder Junghundalters einlassen, mit allen Höhen und Tiefen.

Mir fiel ein kleiner gestromter Welpe auf, der auf der Straße gefunden worden und noch zu jung für die Adoption war. Er wäre zu dem Zeitpunkt der einzige Kandidat gewesen, der erst nach unserer Reise verfügbar gewesen wäre. Ich fragte unverbindlich beim Tierschutzverein an, ob ich weitere Informationen bekommen könnte, denn es war noch nichts über ihn bekannt, außer Fotos, die ja aber immer niedlich sind. Gleich erhielt ich regelmäßig Fotos und Videos aus der Pflegestelle. Darauf war immer auch sein Kumpel zu sehen – ein einige Wochen älterer Galgo-Rüde, ebenfalls auf der Suche nach einem Zuhause. Lapicito hieß dieser Kumpel. 

Als ich Lapicitos Beschreibung las, traf sie genau das, was wir uns wünschten: angstfrei (wir wohnen in der Stadt), frech (die besten Geschichten entstehen schließlich aus frechen Anfängen) – und ein Galgo, vom Jäger abgegeben, weil er der einzige Rüde im Wurf war und einen Nabelbruch hatte.

Mir war klar, dass wir ihn eigentlich nicht nehmen konnten – wir konnten ja schlecht sagen: „Behaltet ihn bitte noch ein paar Wochen, bis wir von unserer Reise zurück sind.“ Dennoch meinte ich zu meinem Mann: „Ich schicke einfach mal eine Bewerbung; vielleicht will ihn ja bis dahin niemand.“ Doch Welpen finden bekanntlich schnell ein Zuhause.

Mein Mann, der beste aller Zeiten, sagte nur: „Dann bleibe ich eben zu Hause und kümmere mich alleine die Woche um ihn.“ Für mich war es eine berufliche Reise, die ich nicht absagen konnte. Aber mit meinem Mann zuhause konnte ich nun doch guten Gewissens die Bewerbung abschicken.

So kam es, dass wir Lapicito adoptieren durften. Kurze Zeit später holten wir ihn in Stuttgart ab. Er sprang mit voller Energie und Lebensfreude direkt in unsere Herzen.

Eine Adoption aus der Ferne, ohne vorheriges Kennenlernen, will gut überlegt sein. Zum einen haben wir seit jeher Tierschutzhunde und sind bereit, uns auch auf das Unerwartete einzulassen. Zum anderen sollte man sich gründlich über den Verein informieren – was nicht immer einfach ist. Ich kannte Tierschutz Spanien e.V. und ihre Arbeit persönlich, da ich ein Fotoprojekt für sie in Spanien gemacht hatte. Deshalb wusste ich, dass die Beschreibungen der Tiere mit großer Sorgfalt erstellt werden. Nichts wird beschönigt oder verschwiegen. Das Ziel ist, dass jedes Tier das wirklich passende Zuhause findet. Rückläufer gilt es so gut es geht zu vermeiden. Generell gilt, dass die Tiere nicht gerettet werden sollten, nur um dann hier im Tierheim zu landen.

Für viele Menschen, die nach einem Haustier Ausschau halten, ist es sicherlich besser, das Tier vorher kennenzulernen im örtlichen Tierheim oder auf einer Pflegestelle. So hatten wir es bei unseren früheren Hunden auch gemacht.

Alfonso – so tauften wir Lapicito – entsprach genau dem, was uns versprochen worden war. Er kam angstfrei, frech, menschenbezogen. Der Verein hatte uns vor der Adoption eindringlich darauf hingewiesen, wie anstrengend ein junger Galgo sein könne. Wir waren uns sicher, darauf vorbereitet zu sein, schließlich hatten wir unsere früheren Hunde ebenfalls durch turbulente Anfangszeiten begleitet. Noodles war besonders lebhaft und für jeden Schabernack zu haben gewesen.

Alfonso hat ein  hohes Maß an Energie und eine rotzfreche Unbeschwertheit, die mich trotz aller Erfahrung überraschte. Seitdem er in der Pubertät ist, ist es erst recht spannend geworden. Vielleicht vergisst man mit den Jahren, wie anstrengend die Junghundzeit wirklich war, aber ich kann mich nicht erinnern, dass unsere früheren Rabauken solche Naturgewalten gewesen wären.

Er rast durch wie eine Rakete. Er buddelt, verschleppt Gegenstände, springt ohne Rücksicht auf Verluste ins Gebüsch und rennt und rennt und rennt in unserem großen, eingezäunten Garten. Ein gesichertes Gelände ist meiner Meinung nach für Galgos ein absolutes Muss. Sie sind fürs Rennen und Jagen gezüchtet und müssen ihre Energie ausleben können, am besten im Zusammenspiel mit anderen lauffreudigen Hunden.

Im Freundeskreis haben wir mehrere Galgos und Zugang zu weiteren eingezäunten Flächen. Dort treffen wir uns regelmäßig, um den Turbo-Spaniern beim Rennen zuzuschauen – es gibt kaum etwas Schöneres.

Alfonso stellt die lustigsten Dinge an. Auch wenn man vieles davon mit „Nein!“, „Lass das!“, „Oh, verdammt nochmal!“ quittiert, weil es eher suboptimale Umgestaltungen der Wohnung oder von Gegenstände sein könnte. Wenn er sich ausgepowert hat, ist er der bravste und zufriedenste Hund der Welt. Doch sobald sein Energieniveau wieder steigt – was von einer Sekunde auf die nächste geschehen kann – fühlt sich der Spaziergang an wie Drachensteigenlassen. 

Ich freue mich sehr auf die Aufgabe, diesen ungestümen jungen Kerl mit Geduld und Konsequenz zu einem gesellschaftsfähigen Hund zu erziehen – und ihm gleichzeitig die Freiheit zu geben, seine angeborene Energie auszuleben. Er ist in jeder Hinsicht eine Bereicherung für unser Leben. Mit ihm kommt man hinaus in die Natur, man lacht unglaublich viel, trifft sich wieder häufiger mit Freunden – und hat täglich eine Aufgabe, die erfüllt. Und währenddessen schaut man immer in diese mandelförmigen spanischen Augen, die einen jeden angestellten Streich vergessen lassen. Auch wenn ich manchmal fassungslos über seine „kreativen Ideen“ bin: Er ist meine Freizeit, mein Ausgleich zum Stress, meine herzerwärmende Freude. Und wie sagt man so schön: Sie werden so schnell erwachsen. So genießen wir jeden Tag.

Viele glauben immer noch, dass es im Tierschutz keine Hunde ohne „Macken“ gibt. Andere denken, dort gäbe es keine Welpen und man müsse, möchte man einen, zum Züchter gehen. Doch im Tierschutz gibt es alles, was das Herz begehrt. Mit all unseren insgesamt vier Hunden haben wir unendlich viel Freude gehabt.

So manches Mal ertappe ich mich dabei, die ein oder andere Eigenart unserer vorherigen Hund bei ihm wieder zu entdecken. So hat er den Schalk im Nacken wie unsere Noodles, die Eleganz von Scout und den liebevollen Charme von Ioli. Dennoch ist er einzigartig. Wie sie alle einzigartig sind.  

Für uns persönlich gilt: Einmal Tierschutzhund, immer Tierschutzhund.